Montag, 27. Mai 2013

Der Heiler von Sansibar - Gefragter Medizinmann


Kranke aus der ganzen Welt reisen nach Sansibar, um sich vom Medizinmann Madawa heilen zu lassen. Der kann mit unorthodoxen Methoden angeblich selbst Eifersucht bekämpfen. Seine Botschaft ist einfach: Auf Ernährung kommt es an. Und auf Sex.



Auch die junge Frau mit der tauben Wange, der man im Krankenhaus nicht helfen konnte und die an diesem Morgen etwas scheu Madawas Praxis betritt, fragt der Heiler zunächst nach ihrem Stuhlgang.
"Wie oft waren Sie gestern auf der Toilette?", fragt Madawa.
"Gar nicht", sagt die junge Frau.
"Und vorgestern?", fragt Madawa.
"Auch nicht. Vor drei Tagen das letzte Mal. Aber ich bin hier wegen meiner Wange", sagt sie.
"Wie oft essen Sie am Tag?", fragt Madawa.
"Dreimal."

Madawa nimmt ein Blatt Papier und fängt an zu rechnen. "Zwei Tage à drei Mahlzeiten macht sechs Mahlzeiten. Plus das Frühstück heute, also sieben", murmelt er. "Rechnen wir mit 600 Gramm Essen im Schnitt pro Mahlzeit." Er schaut von seinem Blatt auf und der Frau in die Augen: "In ihrem Körper sind wahrscheinlich mehr als drei Kilo, die raus müssen. Und sie wundern sich, dass Ihnen etwas wehtut, sei es die Wange oder was anderes."
Die Frau lächelt verlegen.
Madawa oder "Mr. Madawa" wie ihn die meisten Menschen auf der Insel nennen, ist der angesehenste Medizinmann Sansibars. Aber längst kommen die Patienten nicht mehr nur aus allen Ecken der Insel zu ihm. Sie kommen auch vom tansanischen Festland herüber und sie kommen eingeflogen aus Deutschland, Südafrika, Kanada, Oman. Sie glauben an die heilenden Kräfte seiner Kräuter mindestens so sehr wie an seine Philosophie der Prävention.

Medizin aus Blüten
Madawas Praxis liegt in einem einstöckigen Gebäude im Norden von Sansibar-Stadt, umgeben von einer weißen Mauer und Papaya-Bäumen, die den Hühnern im Hof ein wenig Schatten spenden. Im engen Behandlungszimmer hat es an diesem Märzsonntag feuchte 35 Grad, der Ventilator hängt still an der Decke, seit Stunden ist auf der Insel der Strom ausgefallen.
Die junge Frau mit der tauben Wange fächert sich Luft zu. Madawa ruft seine Mitarbeiterin. Die Tür zum Nebenraum öffnet sich. Frauen sitzen dort auf dem Boden und mahlen Gewürze. Es riecht nach Kardamom. Die Mitarbeiterin bringt eine Plastikflasche mit einer zähen, dunkelbraunen Brühe. Gemahlene Samen des Johannisbrotbaums, Ingwer, Zimt, Minze, alles zerstoßen zu Pulver und gemischt mit Honig, erklärt Madawa. Ein Abführmittel. "Wenn mit Ihrem Ernährungskreislauf wieder alles stimmt, dann geht es auch bald der Wange besser."

Seit wann sich Mohammed Said Ali nur noch Madawa nennt, weiß er nicht mehr. Er hat nie daran gezweifelt, dass er irgendwann nur noch diesen einen Namen tragen würde wie sein Vater vor ihm und sein Großvater und dessen Großvater. In der fünften Generation sind die Madawas Medizinmänner. Ihre Medikamente gewinnen sie aus dem, was die Natur auf Sansibar wachsen lässt. Minze benutzt der Heiler als Antiseptikum, Ingwer als Schmerzmittel, Zimt als Aphrodisiakum, Zitronengras gegen Pilze und Infektionen. In Sansibar wachsen Safran, Kardamom, Pfeffer, Kokosnüsse. Aus den Früchten, Wurzeln, Schalen, Blüten und Knollen macht Madawa Tränke, Salben und Öle.

Heilung mit Aromatherapie
An diesem Sonntag hat er bereits einen dreijährigen Jungen mit Immunschwäche massiert wie er das seit sechs Tagen macht. Einem jungen Mann mit Erektionsproblemen hat er eine Flasche "natürliches Viagra" mitgegeben. Im Vorraum sitzt eine alte Frau, die sich von einem Schlaganfall erholt. Später an diesem Tag wird eine Frau vorbeikommen, gequält von Eifersucht, weil sich ihr Mann gerade eine zweite Ehefrau genommen hat. An manchen Tagen behandelt er 80 Patienten.
Für diese Menschen ist Madawa Arzt, Therapeut, Lebenshelfer. Wenn man ihm glaubt, dann ist er in all diesen Rollen ziemlich erfolgreich. Wenn man ihm nicht glaube, sagt er, solle man sich doch das Video von Suleiman anschauen. Als der Omaner vor zwei Monaten nach Sansibar gebracht wurde, war er geplagt von epileptischen Anfällen, sechs-, siebenmal am Tag krampfte sein Körper, manchmal bis zur Bewusstlosigkeit. So erzählt es Madawa und so erzählt es auch Suleiman.
Ärzte in Indien und Oman hatten seinen Schädel geöffnet und ins Hirn geschaut. Sie wollten operieren, wussten aber nicht was. Das Video zeigt einen 50-Jährigen, der gefüttert werden muss, der Mühe hat seinen Kopf zu heben, der sabbert und nicht allein laufen kann. Es zeigt einen 1,80 Meter großen Mann, der 32 Kilo wiegt.

Medizinmann als gefragter Redner
Heute läuft Suleiman durch die Praxis, begrüßt Patienten mit Handschlag, lächelt. Er isst mit Madawa zu Mittag, Maisbrei mit Fisch. Niemand muss ihm helfen. Suleiman sagt, Madawas Aromatherapie habe ihn gerettet.

Wenn es den Menschen in Sansibar schlecht geht, gehen sie zu Madawa. Wenn er nicht helfen kann, schickt er sie ins Krankenhaus. Bei den Ausländern sei es umgekehrt, sagt er. Viele gingen jahrelang von einem Spezialisten zum nächsten, ließen sich in vielen Ländern behandeln und wenn alles nichts bringe, dann kämen sie zu ihm. Oft mit Hautkrankheiten, mit chronischen Rückenschmerzen, mit Diabetes.
Madawa sagt: "Die könnten sich alle die Flugkosten sparen, wenn sie vorher auf sich geachtet hätten." Er ist überzeugt davon, dass ein Mensch nicht krank wird, wenn er zwei Dinge beachtet. Regelmäßiger Sex sorge dafür, dass sich die Hormone nicht anstauten (Madawa hat vier Frauen und 39 Kinder). Noch wichtiger sei die richtige Ernährung. Wie die aussieht, predigt er seit Jahren auf Vorträgen in New York, Rotterdam und Berlin. Und er erklärt es täglich seinen Patienten in Sansibar, heute der Frau mit der tauben Wange.
Er nimmt ein Blatt Papier und malt einen Kreis darauf. Dann zieht er drei Linien hindurch, so dass sechs gleichgroße Teile entstehen, die er beschriftet: Luft. Wasser. Früchte. Gemüse. Reis/Bananen. Fisch/Fleisch. All das brauche der Körper, sagt Madawa. Von allem ein bisschen. Nichts anderes. Sein Vater, erzählt er der Frau, habe nach diesem Prinzip gelebt und sei 122 Jahre alt geworden. Madawa ist jetzt 63. Krank sei er noch nie gewesen.          Von Bastian Berbner, Sansibar-Stadt

Quelle: Der Spiegel


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