Das Burnout-Syndrom ist in aller Munde. Betroffen sind, so die Realität des aktuellen Stressreports*, die Leistungsträger unserer Gesellschaft: Führungskräfte und Arbeitnehmer mit hoher Belastung am Arbeitsplatz. Doch nicht nur Strapazen, sondern häufig auch Unterforderung im Beruf machen vielen Menschen zu schaffen – ebenso wie die Stressfaktoren des Alltags, zum Beispiel Lärm, Beziehungskonflikte oder Autofahren. Das Ergebnis: Deutsche Ärzte diagnostizieren immer mehr stressbedingte Beschwerden, die behandelt werden müssen. Viele Betroffene haben jedoch Angst vor dem ersten Schritt, sie meiden den Gang zum Arzt und verschließen sich vor Freunden und Familie. Sie befürchten, als „Versager“ gebrandmarkt zu werden. Ganz zu schweigen von denen, die sich ihre Situation nicht eingestehen wollen. Das ist ein Teufelskreis, der zu schweren Depressionen führen kann.
Dr. Tomas Stein, Ärztlicher Direktor und Kardiologe am Diagnostik Zentrum Fleetinsel Hamburg, untersucht täglich Menschen, die hohen beruflichen Belastungen ausgesetzt sind. „Auch wir sehen eine deutliche Zunahme von stressbedingten Krankheiten“, erklärt der Experte für Präventivmedizin. „Wichtig ist, dass Betroffene die Ursachen erkennen und diese gezielt bekämpfen. Das ist meist ein steiniger Weg.“ Denn Hürde Nummer eins bei der Behandlung von Erschöpfungszuständen sei oft, dass sich die Betroffenen ihr Leiden erst einmal eingestehen beziehungsweise sie ihre Symptome als stressbedingt erkennen müssten.
Alarmzeichen: So wirkt Stress langfristig auf Körper und Seele
„Negativer Stress, sogenannter Disstress, entsteht zum Beispiel durch Wettbewerbssituationen im Berufsleben, Zeitdruck, hohes Arbeitspensum, oft auch gepaart mit fehlender Anerkennung“, sagt Dr. Stein. „Im Körper läuft eine Kettenreaktion ab. Adrenalin und Kortisol werden ausgeschüttet und sämtliche Abläufe beschleunigt: Zu beobachten sind dann ein schnellerer Herzschlag, eine schnellere Atmung, höherer Blutdruck, erweiterte Pupillen und eine gestiegene Körpertemperatur.“ Der Körper befindet sich also in einem Alarmzustand, der auf Flucht und Verteidigung eingestellt ist. Hält dieser Zustand an oder tritt er regelmäßig auf, wird der Betroffene krank. Die Folgen können sein, dass sich der Patient antriebslos fühlt, schnell reizbar und dauerhaft müde ist, er Schlafstörungen hat, plötzlicher Schwindel auftritt sowie Ohrgeräusche, Herzrhythmusstörungen, Muskel- und Gliederschmerzen oder Panik- und Beklemmungsgefühle. „Auch ein hoher Blutdruck oder schlechte Cholesterinwerte können auf Stress zurückzuführen sein“, so der Experte. „Negativer Stress kann den gesamten Körper außer Gefecht setzen und zu einem Burnout führen, dem chronischen Erschöpfungszustand, der manchmal durch Depressionen begleitet wird.“
Achtsamkeit – das A und O der individuellen Stressvorbeugung
Um einer Überlastung durch Stress frühzeitig vorzubeugen, sollte jeder Mensch achtsam sein, das heißt: seinen physischen und psychischen Allgemeinzustand kritisch betrachten. „Es ist selbstverständlich schwer, ständig die Balance zu finden“, so Dr. Stein. „Schließlich gibt es im Leben immer Phasen, in denen man mehr oder weniger eingespannt ist. Aber wichtig ist es, regelmäßig zu hinterfragen: Wie fühle ich mich? Woher kommt der mögliche Stress, was sind die Stressfaktoren? Wie kann ich den Stress reduzieren und einen Ausgleich schaffen?“ Es gelte, die Kontrolle zu behalten, um der gefährlichen Eigendynamik des negativen Stresses so wenig Spielraum wie möglich zu geben. Das beste Rezept sei ein harmonischer Wechsel zwischen Aktivität und Entspannung, das entspreche auch dem Biorhythmus.
Fünf Experten-Tipps zum Stress-Abbau von Dr. Tomas Stein:
1. Bewegung: „Ob Joggen, Radfahren, Schwimmen oder stramme Spaziergänge – Sport baut die Stress-Hormone Adrenalin und Kortisol ab, stärkt die Muskeln und das Immunsystem und beflügelt die Laune. Insbesondere für Büroangestellte mit überwiegend sitzender Tätigkeit ist Bewegung ein optimales Ventil zum Stress-Abbau.“
2. Genussmomente: „Wer es sich zum Prinzip macht, sich regelmäßig mit etwas Nettem selbst zu belohnen sowie Ablenkung und Erholungsinseln im Alltag zu schaffen, baut Stress ab. Dann sind ein Einkaufsbummel, Saunabesuche, Massagen, eine Auszeit mit dem Lieblingsbuch oder Kinobesuche wahre Glücksmomente, die intensiv wahrgenommen werden.“
3. Ruhe: „Ein signifikanter, aber häufig ignorierter Stressfaktor ist Lärm. Er aktiviert das autonome Nervensystem und wirkt deshalb auch auf Menschen, die denken, sie hätten sich an Lärm gewöhnt. Deshalb ist es wichtig, Lärmquellen bewusst auszuschalten und beispielsweise als Städter regelmäßige Ausflüge aufs Land zu machen, wo es wesentlich ruhiger ist.“
4. Entspannung: „Im Alltag sollten sich Aktivitäts- und Entspannungsphasen die Waage halten. Vielen Menschen, gerade in Führungspositionen, fällt das Abschalten allerdings schwer. Mit Entspannungstechniken lassen sich die nötigen Auszeiten bewusst schaffen. Einfach in den Alltag integrierbar ist das autogene Training: Muskelentspannung durch vertiefte, meditative Selbstwahrnehmung. Auch die Feldenkrais-Methode sorgt ebenso für die tägliche Dosis Entspannung: Sie vergegenwärtigt gewohnte Bewegungsabläufe und schafft somit eine bewusste Spannung und Entspannung des Körpers.“
5. Kontakte: „Definitiv nicht zu unterschätzen für den Stress-Abbau ist das soziale Leben, der Austausch mit Familie und Freunden, das Beisammensein mit den Liebsten. Zusammenhalt und Vertrauen wirken sich positiv auf die Psyche aus und sind gute Stützen im Leben. Deshalb ist es wichtig, Kontakte zu pflegen und sich regelmäßig zu verabreden.“

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