Psychotrick, Gene oder doch Charakter? Warum und wie gut Placebos gegen Schmerzen helfen, ist nicht abschließend geklärt. Jetzt haben Forscher Hinweise darauf gefunden, dass die Persönlichkeit eine wichtige Rolle spielen könnte: Demnach sind es nicht die Schwächlinge, die besonders empfänglich sind.
Beeinflussbar, schwach, nachgiebig: Wem Placebos helfen, dem werden mitunter negativ besetzte Attribute zugeordnet. Möglicherweise zu Unrecht, wie eine aktuelle Studie nahelegt. Demnach beeinflusst zwar der Charakter, wer wie stark auf die Scheinmedikamente anspricht. Typischerweise sind die Menschen demzufolge aber eher unnachgiebig, direkt und hilfsbereit.
Forscher beschäftigen sich seit langem mit der Frage, warum Menschen davon profitieren, wenn sie bloße Zuckerpillen schlucken: Da verschwinden Schmerzen wie von Zauberhand, die Muskelkraft nimmt zu, die Produktion von Stresshormonen ab. Und das, obwohl kein einziger pharmakologisch wirksamer Stoff im Körper zirkuliert.
Die wichtigste psychologische Erklärung für den Effekt der Scheinmedikamente ist die Erwartungshaltung eines Kranken: Wer etwa unter Schmerzen leidet und von seinem Arzt Pillen verschrieben bekommt, geht davon aus, dass die Schmerzen verschwinden. Und das tun sie dann zuweilen auch - allein aufgrund der positiven Aussichten. Untersuchungen konnten zudem zeigen, dass sich auch Größe, Farbe und Preis der Scheinmedikamente auf das Ausmaß des positiven Effekts auswirken.
Stressresistent und altruistisch
Außerdem spielt offenbar die Zuwendung des Therapeuten eine entscheidende Rolle: Das gilt etwa für die umstrittenen Therapien wie Akupunktur und Homöopathie. Kürzlich lieferten Wissenschaftler zudem einen Hinweis, dass auch bestimmte Gene darüber entscheiden könnten, ob ein Mensch anfällig ist für den Placebo-Effekt.
Zu den zahlreichen Ursachen haben US-Forscher von der University of Michigan nun bestimmte Charaktereigenschaften ausgemacht, die einen Menschen empfänglich machen könnten für Scheinmedikamente. An der Studie nahmen 50 gesunde Probanden teil, die Angaben dazu machten, wie offen, extrovertiert, neurotisch, empathisch oder altruistisch sie waren. Für die Untersuchung spritzten die Wissenschaftler ihren Probanden Flüssigkeiten in die Kiefermuskulatur, die entweder als schmerzhaft angekündigt waren oder nicht. Gleichzeitig bekamen sie ein Schmerzmittel mit Wirkstoff oder ohne. Welche Kombination sie bekamen, wussten die Probanden nicht.
Während der Maßnahmen beobachteten die Forscher die Hirnaktivität der Teilnehmer und bestimmten, wie hoch der Spiegel des Stresshormons Cortisol war. Die Auswertung ergab, dass jene Probanden, denen die Placebos gegen Schmerzen halfen, entsprechende Hirnaktivität aufwiesen und auch höhere Cortisol-Werte hatten. Bei dem Vergleich der angegeben Eigenschaften zeigte sich, dass vor allem direkte, stressresistente und altruistische Menschen auf die Placebos reagiert hatten.
Rätselhafter Nocebo-Effekt
Die Studie kann - wie viele Untersuchungen auf dem Gebiet - nur einen zusätzlichen Hinweis auf Ursachen des Placebo-Effekts liefern: Zum einen ist die Untersuchung mit nur 50 Probanden klein. Außerdem könnten auch andere Faktoren, die in der Studie nicht berücksichtigt wurden, Einfluss nehmen. Die Autoren schreiben in der Fachzeitschrift "Neuropsychopharmacology": Wenn sich die Ergebnisse in einer größeren Studie reproduzieren ließen, könnte die Kenntnis von Charaktereigenschaften dabei helfen, Schwankungen von klinischen Studien zu erklären - und zu verkleinern.
Wie rätselhaft der Placebo-Effekt trotzdem bleibt, zeigt auch eine weitere Untersuchung: Wissenschaftler von der Harvard Medical School konnten kürzlich zeigen, dass eine Scheinbehandlung selbst dann wirkt, wenn sie vom Bewusstsein gar nicht wahrgenommen wird. Ähnlich subtil funktioniert offenbar auch der Nocebo-Effekt, das Gegenteil des Placebos: Dabei machen Ärzte ihre Patienten mit unbedachten Äußerungen ebenso krank wie mit einer zu ausführlichen Aufklärung über Behandlungsrisiken.
Quelle: Spiegel online

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