Psyche und Körper
Helen und ihre Schwestern
Von Nicola Abé
Helen besitzt alles, wovon andere träumen: Schönheit, Erfolg, einen liebevollen Mann und eine aufgeweckte Tochter. Sie arbeitet als Musikprofessorin und hat viele Freunde. In ihrem Designerhaus veranstaltet sie Partys und Konzerte. Das Leben könnte nicht besser sein.
Doch eines morgens wacht Helen auf und fühlt sich wie erschlagen. Sie legt sich auf den Boden, knallt ihren Kopf gegen die Wand, hält sich ein Messer an die Brust und weint.
Helen ist die Hauptfigur in einem gleichnamigen Film, den die Regisseurin Sandra Nettelbeck einer Verstorbenen gewidmet hat - einer Freundin, die sich nach langem seelischen Leid das Leben nahm. Nettelbecks Helen ist fiktiv, doch ihre Geschichte ist realistisch. Die Krankheit, unter der Helen leidet, kann auch die schönsten, klügsten und beliebtesten Menschen treffen. Depression schlägt mit derselben Unberechenbarkeit zu wie Krebs.
Allerdings trifft die Krankheit öfter Frauen - in Deutschland ungefähr doppelt so oft wie Männer. Wer genaue Zahlen wissen will, begibt sich auf eine schwierige Spurensuche, denn je nach Methode variieren die Ergebnisse.
Die meisten Suizide sind Ergebnis psychischer Störungen
Rund 25 Prozent aller Frauen und 12 Prozent der Männer erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Depression - laut Bundesgesundheitssurvey, einer repräsentativen Befragung von rund 4000 Personen im Alter von 15 bis 65 Jahren, die auch leichtere Formen der Krankheit miteinschließt. Andere Studien kommen auf geringere Werte. An dem Ergebnis, dass Frauen häufiger erkranken, ändert sich jedoch nichts.
Bei den diagnostizierten Fällen kommen Frauen sogar auf dreimal mehr Depressionen als Männer. Früher dachte man, das sei ein direkter Hinweis auf die Anzahl der Erkrankungen. Heute weiß man, dass diese Statistik nicht die Wirklichkeit abbildet. "Männer gehen erst dann zum Arzt, wenn es gar nicht mehr anders geht", sagt Mathias Berger, der am Freiburger Universitätsklinikum die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie leitet. Bei Frauen sei es akzeptiert, dass sie Schwäche zeigen und sich helfen ließen. "Männer fühlen sich als Versager und machen das Ganze lieber mit sich selbst aus."
Das schlägt sich in der Selbstmordrate nieder, denn die meisten Suizide sind Ergebnis psychischer Störungen. Die jüngste deutsche Statistik führt 9451 Selbsttötungen im Jahr auf. 7039-mal waren es Männer, die sich umgebracht hatten.
Häufig zeigen die erkrankten Männer andere Symptome als Frauen: Sie werden aggressiv oder hyperaktiv, machen sehr viel Sport, ohne sich dabei zu entspannen. Häufiger als Frauen greifen sie zu Alkohol oder illegalen Drogen. "Diagnostiziert wird dann eine Suchtkrankheit", so Berger, "obwohl eigentlich eine Depression dahintersteckt."
Eine einfache Erklärung, warum die weibliche Seele sich so viel häufiger verdüstert als die männliche, gibt es nicht. Das Erbgut spielt hier keine Rolle. "Genetisch sind Frauen nicht schlechter gegen Depressionen gerüstet als Männer", sagt Berger.
Doch woran liegt es dann? Nach dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell sind für das Entstehen einer Depression einerseits aktuelle Belastungen entscheidend ("Stress"), andererseits die Verwundbarkeit aufgrund von Anlage und Erfahrungen ("Vulnerabilität").
"Schlimmer als die reine Arbeitsbelastung ist Nichtanerkennung"
Wenn jemand empfindlich auf Stress reagiert, kann das also daran liegen, dass er als Kind viel durchgemacht hat. In diesem Punkt zeigt sich ein klarer Unterschied zwischen den Geschlechtern. "Es gibt viele Hinweise darauf, dass Mädchen eine höhere Wahrscheinlichkeit traumatischer Kindheitserlebnisse haben als Jungen", heißt es im Bundesgesundheitssurvey. Die Depressionsexpertin Isabella Heuser, Direktorin an der Berliner Charité, präzisiert: "Was den sexuellen Missbrauch angeht, können wir sicher sein, dass Mädchen häufiger Opfer werden."
Die Vulnerabilität, die zum Beispiel von einem Missbrauch herrühren kann, ist der eine große Faktor. Daneben, sagt Heuser, "spielt eben auch der Stress eine entscheidende Rolle, und Frauen sind nun mal mehr Stress ausgesetzt".
Gerade in der weiblichen Fruchtbarkeitsphase, im Alter zwischen 15 und 50 Jahren, erkranken Frauen wesentlich häufiger als Männer an Depressionen. In diesen Jahrzehnten liegt die Lebensspanne, in der sie stark gefordert sind: Es ist ihr Zeitfenster fürs Kinderkriegen, es ist aber auch die Zeit, in der ein Beruf ergriffen und die Karriere aufgebaut werden muss. Das Ergebnis ist oft eine Dreifachbelastung durch Beruf, Familie und Haushalt.
"In meine Praxis kommen immer mehr junge Frauen", sagt die Ärztin Dagmar Ruhwandl, Spezialistin für Burnout-Prävention in München, "sie sind gut ausgebildet und wollen Karriere machen." Junge Frauen könnten sich dabei weniger gut vom Job-Alltag distanzieren als gleichaltrige Männer. Sie würden für ihren Beruf "brennen", hätten sehr hohe Ansprüche an sich selbst und setzten sich stark unter Druck. Ihre Leistungen schätzten sie oft schlechter ein als Männer.
"Diese Leistungsbereitschaft haben sie von ihren Eltern gelernt", sagt die Burnout-Expertin, "oder es gibt eine tiefe, frühkindliche Verletzung, die sie derart antreibt, dass sie ihre eigenen Grenzen überschreiten." Besonders fatal sei diese Bereitschaft zur Aufopferung, wenn sie mit einer geringen Wertschätzung durch Vorgesetzte und Kollegen einhergehe. "Schlimmer als die reine Arbeitsbelastung ist Nichtanerkennung", so Ruhwandl. "Sie macht krank."
Berufstätigkeit reduziert das Risiko einer Depression
Wer gut verdient, wird seltener depressiv. "Geld ist auch eine Art der Wertschätzung", sagt die Depressionsexpertin Heuser. Noch immer verdienen Frauen in Deutschland im Schnitt rund ein Viertel weniger als Männer, noch immer besetzen sie kaum Führungspositionen.
Monika Kaiser verdiente gut. An materieller Wertschätzung mangelte es ihr nicht. Sie war Anfang 30, hatte sich gerade eine Eigentumswohnung gekauft, in der Garage stand ein BMW-Cabrio. Als Bankerin arbeitete sie bei einem bekannten deutschen Kreditinstitut. Sie stand nicht am Schalter und zählte Scheine. Sie gehörte zu denen, die sich um die wirklich großen Summen kümmerten. Drei Jahre lang hatte sie an der Börse in Frankfurt gehandelt, hatte sich durchsetzen können in einer Männerbranche, die Kollegen hielten sie für "tough".
"Im Job war ich stark", sagt Monika Kaiser, die ihren richtigen Namen nicht öffentlich machen möchte. "Dabei ging es mir sehr schlecht." Im Medizinschrank zu Hause hatte sie immer genug Medikamente, um sich umzubringen. Wenn sie nach der Arbeit in ihr Bett kroch, schluckte sie eine Schlaftablette. An den Wochenenden verließ sie die Wohnung nicht. In der Küche stapelten sich schmutzige Teller und Müll. Aus dem Fernseher brabbelten Stimmen, sie lag einfach nur da, gefangen in einem großen, schwarzen Nichts.
Mehr als 14 Stunden am Tag verbrachte Kaiser damals in ihrem Büro. Neben ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau hatte sie ein BWL-Studium absolviert. Weil sie mehr arbeitete als viele Kollegen und ihre Aufgaben immer besonders gewissenhaft erledigte, stieg sie schnell auf. Von der Börse in Frankfurt wechselte sie an die Terminbörse nach München, überall hatte sie Erfolg. "Trotzdem habe ich mich die ganze Zeit gefühlt wie eine Mogelpackung", sagt sie, "als ob ich da eigentlich nicht hingehörte."
Wie krank sie bereits war, bemerkte keiner ihrer Kollegen. "Ich habe Theater gespielt", sagt sie. Bis zum Zusammenbruch: Monika Kaiser kippte im Badezimmer um, brach sich zwei Rippen, hatte eine Platzwunde am Kopf. Burnout-Syndrom, sagten die Ärzte, verursacht durch Stress am Arbeitsplatz.
Ein Rollenwechsel bedeutet Stress
Als Monika Kaiser eine Therapie machte, fand sie heraus, dass sie nicht nur zu viel gearbeitet hatte. Jahrelang hatte sie verdrängt, was ihr als Mädchen widerfahren war. Ihr Vater, ein Alkoholiker, hatte die Mutter regelmäßig geschlagen und manchmal auch die Tochter. Sie hatte versucht, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Aus der Schule brachte sie gute Noten nach Hause. Auf keinen Fall wollte sie ihren Vater verärgern. "Ich habe immer funktioniert", sagt sie, "meine Gefühle waren egal."
Monika Kaiser trägt ein schickes Kostüm, ihre Brauen sind ordentlich gezupft, die Hände perfekt manikürt. Heute ist sie 36, sie sieht ein wenig älter aus, das Leben hat Spuren hinterlassen in ihrem feinen Gesicht. "Ich wollte auch bei der Arbeit immer alles perfekt machen, möglichst keine Angriffsfläche bieten", sagt sie. Sie hatte ihre eigenen Grenzen im Berufsleben nicht wahrnehmen und schon gar nicht verteidigen können.
Trotz der Gefahr, am Arbeitsplatz auszubrennen, zeigt die Statistik, dass Berufstätigkeit sowohl bei Männern als auch bei Frauen das Risiko einer Depression reduziert. Neben der Gruppe der Alleinerziehenden sind besonders Hausfrauen gefährdet. Ihre Arbeit wird wenig anerkannt, finanziell sind sie meistens vom Mann abhängig. Laut Bundesgesundheitssurvey erkrankten 18 Prozent aller deutschen Hausfrauen innerhalb eines Zeitraums von einem Jahr an einer mehr oder weniger schweren Depression. Das männliche Geschlecht war, der Erhebung zufolge, sogar deutlich stärker betroffen: Fast die Hälfte aller befragten Hausmänner wurde innerhalb eines Jahres depressiv.
Der Anteil der Hausmänner ist allerdings gering. Noch immer geben Frauen wesentlich häufiger als Männer einen geliebten Beruf auf, um sich ganz ihrer Mutterrolle zu widmen oder einen Angehörigen zu pflegen.
Bei Männern verringern Heirat und Familiengründung die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken. "Auf Frauen trifft das nicht zu", sagt Hans-Ulrich Wittchen, Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden. Grund: Für Frauen sind Ehe und Kinder mit erheblich einschneidenderen Rollenwechseln verbunden - und ein Rollenwechsel bedeutet Stress.
Zwischenmenschliche Konflikte sind häufig der Auslöser für Depressionen
Auch biologische Faktoren könnten daran schuld sein, dass Frauen doppelt so oft schwermütig werden wie Männer. So neigen manche zu depressiven Verstimmungen, wenn der Spiegel des Geschlechtshormons Östrogen im Blut sinkt. Das sogenannte prämenstruelle Syndrom entsteht aus diesem Grund. Während es vor der Monatsblutung allerdings nur zu leichten Stimmungsschwankungen kommt, können Hormonverschiebungen nach einer Geburt schwere Depressionen auslösen.
In den Wechseljahren schließlich produziert der weibliche Körper immer weniger Östrogene. Die dadurch ausgelösten Stimmungstiefs sind besonders langwierig und unangenehm. "Das merkt jede Frau", sagt Charité-Expertin Heuser. Frauen um die 50 hätten allerdings noch mit anderen Problemen zu kämpfen: "In unserer Gesellschaft werden Jugend und Schönheit verehrt. Gerade bei uns Frauen wird ein ungeheurer Wert auf das Äußere gelegt." Mit dem Ende der Fruchtbarkeit fühlten sich viele Frauen plötzlich wertlos.
"Die Anzeichen habe ich jahrelang ignoriert", sagt Rosalie Wenzel (auch ihr Name ist geändert). Sie war Lehrerin an einer Grundschule, hatte sich hochgearbeitet zur Konrektorin, den Beruf nicht aufgegeben, als sie Mutter wurde. Von den alten Fotos lächelt eine hübsche Frau, blondes Haar, sportliche Figur, Schlaghosen. Obwohl ihr als alleinerziehender Mutter kaum Zeit blieb, war sie ins Theater gegangen, hatte Reisen organisiert für ihre Freunde, ans Rote Meer und zum Skifahren nach Österreich.
Mit den Wechseljahren schlich sich die Krankheit in Rosalie Wenzels Leben. Sie fühlte sich ständig müde. Selbst in den Ferien konnte sie nicht mehr entspannen, nachts nicht schlafen. In ihrem Kopf hatte sich ein Gedanke festgesetzt: "Das lohnt sich alles nicht."
Die Tage türmten sich vor ihr auf wie Berge, unmöglich, sie zu erklimmen. Schließlich war sie so mutlos, dass sie morgens nicht mehr aufstehen konnte. Sie schämte sich. Ihre Eltern waren immer berufstätig gewesen. "Man ist nicht krank, man geht zur Arbeit", hatte die Mutter gepredigt. Niemand sollte merken, wie sie sich fühlte. Rosalie Wenzel beantragte ein Sabbatical, ein Jahr Urlaub auf eigene Kosten.
"Ich wollte reisen, mir etwas gönnen", sagt sie. Doch dann habe sie ein Jahr lang nur im Bett gelegen, geschlafen und geweint. Ihre Tochter kümmerte sich um die Rechnungen.
"Stabile private Beziehungen sind die beste Prävention"
Rosalie Wenzel ist heute 65 und seit mehr als 15 Jahren krank. Mit 55 musste sie in Frührente gehen. Freunde hatte sie keine mehr. "Die kamen nicht damit klar, dass ich auf einmal so anders war."
Seit zehn Jahren lebt Rosalie Wenzel in einer 140 Quadratmeter großen Altbauwohnung in Berlin, ganz allein, die Tochter ist ausgezogen, einen Mann gibt es nicht. "Mit Männern hatte ich nie Glück", sagt sie, "ab einem gewissen Alter wird es nicht einfacher." Bei drei verschiedenen Therapeuten war sie im Lauf der Zeit. Aber nichts hat bisher geholfen. "Die zehn Jahre sind einfach weg", sagt sie.
Jetzt macht sie eine Therapie am Universitätsklinikum in Freiburg. Noch immer ist sie schlank und gutaussehend, doch sie fühlt sich nicht so. Ihre Augen sind verweint, und sie sagt: "Es gibt halt nichts mehr auf der Welt, worüber ich mich freuen kann."
Im Fall von Rosalie Wenzel ist die Depression chronisch geworden. Sie leidet nicht nur unter einzelnen Schüben, ihr ganzes Leben ist von der Krankheit geprägt. An der Freiburger Uniklinik nimmt sie an einem speziellen Programm für chronisch Depressive teil. Die Interpersonelle Psychotherapie setzt da an, wo viele Patienten Schwierigkeiten haben: In den Beziehungen zu anderen Menschen. Rosalie Wenzel soll lernen, ihre alten Muster zu durchschauen, in Gruppenstunden und Rollenspielen ein besseres Gefühl für sich selbst zu entwickeln, und neue Verhaltensweisen trainieren.
Wenzel fällt es schwer, anderen Menschen zu vertrauen. In der Therapie soll sie nicht nur die Fähigkeit entwickeln, sich auf neue Menschen einzulassen, sie soll auch bestehende Beziehungen verbessern, etwa das problematische Verhältnis zu ihrer Tochter.
"Stabile private Beziehungen sind die beste Prävention", sagt der Freiburger Experte Berger, "auf der anderen Seite sind zwischenmenschliche Konflikte einer der häufigsten Auslöser für Depressionen". Ständiger Streit mit der Schwiegermutter könne ebenso krank machen wie ein untreuer Ehemann. Während Männer eher Schwierigkeiten mit Kollegen am Arbeitsplatz hätten oder unter den Folgen sozialer Inkompetenz litten, kämpften Frauen eher mit Konflikten in der Familie.
Zwar sind Frauen öfter von Depressionen betroffen. Betrachtet man jedoch die Gesamtheit der seelischen Krankheiten von Männern und Frauen in Deutschland, so ergibt sich ein anderes Bild. "Frauen leiden nicht häufiger als Männer an psychischen Störungen", sagt Wittchen. "Während Frauen eher depressiv werden, neigen Männer zur Abhängigkeit von Suchtstoffen oder antisozialem Verhalten."
spirit-TV empfiehlt einen Video-Beitrag von Dr. Holger Berges: Depressionen ganzheitlich betrachtet:
Doch eines morgens wacht Helen auf und fühlt sich wie erschlagen. Sie legt sich auf den Boden, knallt ihren Kopf gegen die Wand, hält sich ein Messer an die Brust und weint.
Helen ist die Hauptfigur in einem gleichnamigen Film, den die Regisseurin Sandra Nettelbeck einer Verstorbenen gewidmet hat - einer Freundin, die sich nach langem seelischen Leid das Leben nahm. Nettelbecks Helen ist fiktiv, doch ihre Geschichte ist realistisch. Die Krankheit, unter der Helen leidet, kann auch die schönsten, klügsten und beliebtesten Menschen treffen. Depression schlägt mit derselben Unberechenbarkeit zu wie Krebs.
Allerdings trifft die Krankheit öfter Frauen - in Deutschland ungefähr doppelt so oft wie Männer. Wer genaue Zahlen wissen will, begibt sich auf eine schwierige Spurensuche, denn je nach Methode variieren die Ergebnisse.
Die meisten Suizide sind Ergebnis psychischer Störungen
Rund 25 Prozent aller Frauen und 12 Prozent der Männer erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Depression - laut Bundesgesundheitssurvey, einer repräsentativen Befragung von rund 4000 Personen im Alter von 15 bis 65 Jahren, die auch leichtere Formen der Krankheit miteinschließt. Andere Studien kommen auf geringere Werte. An dem Ergebnis, dass Frauen häufiger erkranken, ändert sich jedoch nichts.
Bei den diagnostizierten Fällen kommen Frauen sogar auf dreimal mehr Depressionen als Männer. Früher dachte man, das sei ein direkter Hinweis auf die Anzahl der Erkrankungen. Heute weiß man, dass diese Statistik nicht die Wirklichkeit abbildet. "Männer gehen erst dann zum Arzt, wenn es gar nicht mehr anders geht", sagt Mathias Berger, der am Freiburger Universitätsklinikum die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie leitet. Bei Frauen sei es akzeptiert, dass sie Schwäche zeigen und sich helfen ließen. "Männer fühlen sich als Versager und machen das Ganze lieber mit sich selbst aus."
Das schlägt sich in der Selbstmordrate nieder, denn die meisten Suizide sind Ergebnis psychischer Störungen. Die jüngste deutsche Statistik führt 9451 Selbsttötungen im Jahr auf. 7039-mal waren es Männer, die sich umgebracht hatten.
Häufig zeigen die erkrankten Männer andere Symptome als Frauen: Sie werden aggressiv oder hyperaktiv, machen sehr viel Sport, ohne sich dabei zu entspannen. Häufiger als Frauen greifen sie zu Alkohol oder illegalen Drogen. "Diagnostiziert wird dann eine Suchtkrankheit", so Berger, "obwohl eigentlich eine Depression dahintersteckt."
Eine einfache Erklärung, warum die weibliche Seele sich so viel häufiger verdüstert als die männliche, gibt es nicht. Das Erbgut spielt hier keine Rolle. "Genetisch sind Frauen nicht schlechter gegen Depressionen gerüstet als Männer", sagt Berger.
Doch woran liegt es dann? Nach dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell sind für das Entstehen einer Depression einerseits aktuelle Belastungen entscheidend ("Stress"), andererseits die Verwundbarkeit aufgrund von Anlage und Erfahrungen ("Vulnerabilität").
"Schlimmer als die reine Arbeitsbelastung ist Nichtanerkennung"
Wenn jemand empfindlich auf Stress reagiert, kann das also daran liegen, dass er als Kind viel durchgemacht hat. In diesem Punkt zeigt sich ein klarer Unterschied zwischen den Geschlechtern. "Es gibt viele Hinweise darauf, dass Mädchen eine höhere Wahrscheinlichkeit traumatischer Kindheitserlebnisse haben als Jungen", heißt es im Bundesgesundheitssurvey. Die Depressionsexpertin Isabella Heuser, Direktorin an der Berliner Charité, präzisiert: "Was den sexuellen Missbrauch angeht, können wir sicher sein, dass Mädchen häufiger Opfer werden."
Die Vulnerabilität, die zum Beispiel von einem Missbrauch herrühren kann, ist der eine große Faktor. Daneben, sagt Heuser, "spielt eben auch der Stress eine entscheidende Rolle, und Frauen sind nun mal mehr Stress ausgesetzt".
Gerade in der weiblichen Fruchtbarkeitsphase, im Alter zwischen 15 und 50 Jahren, erkranken Frauen wesentlich häufiger als Männer an Depressionen. In diesen Jahrzehnten liegt die Lebensspanne, in der sie stark gefordert sind: Es ist ihr Zeitfenster fürs Kinderkriegen, es ist aber auch die Zeit, in der ein Beruf ergriffen und die Karriere aufgebaut werden muss. Das Ergebnis ist oft eine Dreifachbelastung durch Beruf, Familie und Haushalt.
"In meine Praxis kommen immer mehr junge Frauen", sagt die Ärztin Dagmar Ruhwandl, Spezialistin für Burnout-Prävention in München, "sie sind gut ausgebildet und wollen Karriere machen." Junge Frauen könnten sich dabei weniger gut vom Job-Alltag distanzieren als gleichaltrige Männer. Sie würden für ihren Beruf "brennen", hätten sehr hohe Ansprüche an sich selbst und setzten sich stark unter Druck. Ihre Leistungen schätzten sie oft schlechter ein als Männer.
"Diese Leistungsbereitschaft haben sie von ihren Eltern gelernt", sagt die Burnout-Expertin, "oder es gibt eine tiefe, frühkindliche Verletzung, die sie derart antreibt, dass sie ihre eigenen Grenzen überschreiten." Besonders fatal sei diese Bereitschaft zur Aufopferung, wenn sie mit einer geringen Wertschätzung durch Vorgesetzte und Kollegen einhergehe. "Schlimmer als die reine Arbeitsbelastung ist Nichtanerkennung", so Ruhwandl. "Sie macht krank."
Berufstätigkeit reduziert das Risiko einer Depression
Wer gut verdient, wird seltener depressiv. "Geld ist auch eine Art der Wertschätzung", sagt die Depressionsexpertin Heuser. Noch immer verdienen Frauen in Deutschland im Schnitt rund ein Viertel weniger als Männer, noch immer besetzen sie kaum Führungspositionen.
Monika Kaiser verdiente gut. An materieller Wertschätzung mangelte es ihr nicht. Sie war Anfang 30, hatte sich gerade eine Eigentumswohnung gekauft, in der Garage stand ein BMW-Cabrio. Als Bankerin arbeitete sie bei einem bekannten deutschen Kreditinstitut. Sie stand nicht am Schalter und zählte Scheine. Sie gehörte zu denen, die sich um die wirklich großen Summen kümmerten. Drei Jahre lang hatte sie an der Börse in Frankfurt gehandelt, hatte sich durchsetzen können in einer Männerbranche, die Kollegen hielten sie für "tough".
"Im Job war ich stark", sagt Monika Kaiser, die ihren richtigen Namen nicht öffentlich machen möchte. "Dabei ging es mir sehr schlecht." Im Medizinschrank zu Hause hatte sie immer genug Medikamente, um sich umzubringen. Wenn sie nach der Arbeit in ihr Bett kroch, schluckte sie eine Schlaftablette. An den Wochenenden verließ sie die Wohnung nicht. In der Küche stapelten sich schmutzige Teller und Müll. Aus dem Fernseher brabbelten Stimmen, sie lag einfach nur da, gefangen in einem großen, schwarzen Nichts.
Mehr als 14 Stunden am Tag verbrachte Kaiser damals in ihrem Büro. Neben ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau hatte sie ein BWL-Studium absolviert. Weil sie mehr arbeitete als viele Kollegen und ihre Aufgaben immer besonders gewissenhaft erledigte, stieg sie schnell auf. Von der Börse in Frankfurt wechselte sie an die Terminbörse nach München, überall hatte sie Erfolg. "Trotzdem habe ich mich die ganze Zeit gefühlt wie eine Mogelpackung", sagt sie, "als ob ich da eigentlich nicht hingehörte."
Wie krank sie bereits war, bemerkte keiner ihrer Kollegen. "Ich habe Theater gespielt", sagt sie. Bis zum Zusammenbruch: Monika Kaiser kippte im Badezimmer um, brach sich zwei Rippen, hatte eine Platzwunde am Kopf. Burnout-Syndrom, sagten die Ärzte, verursacht durch Stress am Arbeitsplatz.
Ein Rollenwechsel bedeutet Stress
Als Monika Kaiser eine Therapie machte, fand sie heraus, dass sie nicht nur zu viel gearbeitet hatte. Jahrelang hatte sie verdrängt, was ihr als Mädchen widerfahren war. Ihr Vater, ein Alkoholiker, hatte die Mutter regelmäßig geschlagen und manchmal auch die Tochter. Sie hatte versucht, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Aus der Schule brachte sie gute Noten nach Hause. Auf keinen Fall wollte sie ihren Vater verärgern. "Ich habe immer funktioniert", sagt sie, "meine Gefühle waren egal."
Monika Kaiser trägt ein schickes Kostüm, ihre Brauen sind ordentlich gezupft, die Hände perfekt manikürt. Heute ist sie 36, sie sieht ein wenig älter aus, das Leben hat Spuren hinterlassen in ihrem feinen Gesicht. "Ich wollte auch bei der Arbeit immer alles perfekt machen, möglichst keine Angriffsfläche bieten", sagt sie. Sie hatte ihre eigenen Grenzen im Berufsleben nicht wahrnehmen und schon gar nicht verteidigen können.
Trotz der Gefahr, am Arbeitsplatz auszubrennen, zeigt die Statistik, dass Berufstätigkeit sowohl bei Männern als auch bei Frauen das Risiko einer Depression reduziert. Neben der Gruppe der Alleinerziehenden sind besonders Hausfrauen gefährdet. Ihre Arbeit wird wenig anerkannt, finanziell sind sie meistens vom Mann abhängig. Laut Bundesgesundheitssurvey erkrankten 18 Prozent aller deutschen Hausfrauen innerhalb eines Zeitraums von einem Jahr an einer mehr oder weniger schweren Depression. Das männliche Geschlecht war, der Erhebung zufolge, sogar deutlich stärker betroffen: Fast die Hälfte aller befragten Hausmänner wurde innerhalb eines Jahres depressiv.
Der Anteil der Hausmänner ist allerdings gering. Noch immer geben Frauen wesentlich häufiger als Männer einen geliebten Beruf auf, um sich ganz ihrer Mutterrolle zu widmen oder einen Angehörigen zu pflegen.
Bei Männern verringern Heirat und Familiengründung die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken. "Auf Frauen trifft das nicht zu", sagt Hans-Ulrich Wittchen, Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden. Grund: Für Frauen sind Ehe und Kinder mit erheblich einschneidenderen Rollenwechseln verbunden - und ein Rollenwechsel bedeutet Stress.
Zwischenmenschliche Konflikte sind häufig der Auslöser für Depressionen
Auch biologische Faktoren könnten daran schuld sein, dass Frauen doppelt so oft schwermütig werden wie Männer. So neigen manche zu depressiven Verstimmungen, wenn der Spiegel des Geschlechtshormons Östrogen im Blut sinkt. Das sogenannte prämenstruelle Syndrom entsteht aus diesem Grund. Während es vor der Monatsblutung allerdings nur zu leichten Stimmungsschwankungen kommt, können Hormonverschiebungen nach einer Geburt schwere Depressionen auslösen.
In den Wechseljahren schließlich produziert der weibliche Körper immer weniger Östrogene. Die dadurch ausgelösten Stimmungstiefs sind besonders langwierig und unangenehm. "Das merkt jede Frau", sagt Charité-Expertin Heuser. Frauen um die 50 hätten allerdings noch mit anderen Problemen zu kämpfen: "In unserer Gesellschaft werden Jugend und Schönheit verehrt. Gerade bei uns Frauen wird ein ungeheurer Wert auf das Äußere gelegt." Mit dem Ende der Fruchtbarkeit fühlten sich viele Frauen plötzlich wertlos.
"Die Anzeichen habe ich jahrelang ignoriert", sagt Rosalie Wenzel (auch ihr Name ist geändert). Sie war Lehrerin an einer Grundschule, hatte sich hochgearbeitet zur Konrektorin, den Beruf nicht aufgegeben, als sie Mutter wurde. Von den alten Fotos lächelt eine hübsche Frau, blondes Haar, sportliche Figur, Schlaghosen. Obwohl ihr als alleinerziehender Mutter kaum Zeit blieb, war sie ins Theater gegangen, hatte Reisen organisiert für ihre Freunde, ans Rote Meer und zum Skifahren nach Österreich.
Mit den Wechseljahren schlich sich die Krankheit in Rosalie Wenzels Leben. Sie fühlte sich ständig müde. Selbst in den Ferien konnte sie nicht mehr entspannen, nachts nicht schlafen. In ihrem Kopf hatte sich ein Gedanke festgesetzt: "Das lohnt sich alles nicht."
Die Tage türmten sich vor ihr auf wie Berge, unmöglich, sie zu erklimmen. Schließlich war sie so mutlos, dass sie morgens nicht mehr aufstehen konnte. Sie schämte sich. Ihre Eltern waren immer berufstätig gewesen. "Man ist nicht krank, man geht zur Arbeit", hatte die Mutter gepredigt. Niemand sollte merken, wie sie sich fühlte. Rosalie Wenzel beantragte ein Sabbatical, ein Jahr Urlaub auf eigene Kosten.
"Ich wollte reisen, mir etwas gönnen", sagt sie. Doch dann habe sie ein Jahr lang nur im Bett gelegen, geschlafen und geweint. Ihre Tochter kümmerte sich um die Rechnungen.
"Stabile private Beziehungen sind die beste Prävention"
Rosalie Wenzel ist heute 65 und seit mehr als 15 Jahren krank. Mit 55 musste sie in Frührente gehen. Freunde hatte sie keine mehr. "Die kamen nicht damit klar, dass ich auf einmal so anders war."
Seit zehn Jahren lebt Rosalie Wenzel in einer 140 Quadratmeter großen Altbauwohnung in Berlin, ganz allein, die Tochter ist ausgezogen, einen Mann gibt es nicht. "Mit Männern hatte ich nie Glück", sagt sie, "ab einem gewissen Alter wird es nicht einfacher." Bei drei verschiedenen Therapeuten war sie im Lauf der Zeit. Aber nichts hat bisher geholfen. "Die zehn Jahre sind einfach weg", sagt sie.
Jetzt macht sie eine Therapie am Universitätsklinikum in Freiburg. Noch immer ist sie schlank und gutaussehend, doch sie fühlt sich nicht so. Ihre Augen sind verweint, und sie sagt: "Es gibt halt nichts mehr auf der Welt, worüber ich mich freuen kann."
Im Fall von Rosalie Wenzel ist die Depression chronisch geworden. Sie leidet nicht nur unter einzelnen Schüben, ihr ganzes Leben ist von der Krankheit geprägt. An der Freiburger Uniklinik nimmt sie an einem speziellen Programm für chronisch Depressive teil. Die Interpersonelle Psychotherapie setzt da an, wo viele Patienten Schwierigkeiten haben: In den Beziehungen zu anderen Menschen. Rosalie Wenzel soll lernen, ihre alten Muster zu durchschauen, in Gruppenstunden und Rollenspielen ein besseres Gefühl für sich selbst zu entwickeln, und neue Verhaltensweisen trainieren.
Wenzel fällt es schwer, anderen Menschen zu vertrauen. In der Therapie soll sie nicht nur die Fähigkeit entwickeln, sich auf neue Menschen einzulassen, sie soll auch bestehende Beziehungen verbessern, etwa das problematische Verhältnis zu ihrer Tochter.
"Stabile private Beziehungen sind die beste Prävention", sagt der Freiburger Experte Berger, "auf der anderen Seite sind zwischenmenschliche Konflikte einer der häufigsten Auslöser für Depressionen". Ständiger Streit mit der Schwiegermutter könne ebenso krank machen wie ein untreuer Ehemann. Während Männer eher Schwierigkeiten mit Kollegen am Arbeitsplatz hätten oder unter den Folgen sozialer Inkompetenz litten, kämpften Frauen eher mit Konflikten in der Familie.
Zwar sind Frauen öfter von Depressionen betroffen. Betrachtet man jedoch die Gesamtheit der seelischen Krankheiten von Männern und Frauen in Deutschland, so ergibt sich ein anderes Bild. "Frauen leiden nicht häufiger als Männer an psychischen Störungen", sagt Wittchen. "Während Frauen eher depressiv werden, neigen Männer zur Abhängigkeit von Suchtstoffen oder antisozialem Verhalten."
spirit-TV empfiehlt einen Video-Beitrag von Dr. Holger Berges: Depressionen ganzheitlich betrachtet:

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